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Die Menschmaschine. Zum 100. Geburtstag von Marshall McLuhan July 19, 2011

Posted by Wolfgang Tonninger in Business, Trends, User-Experience.
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Wir sind so elastisch. Anpassungsfähig. Unglaublich. Jeden Tag erlernen wir den Umgang mit neuen Werkzeugen. Jeden Tag eignen wir uns neue Kulturtechniken an und können uns darüber kindisch freuen. Kindisch, weil wir glauben, dass nichts etwas kostet. Kindisch, weil wir dabei Mantra-artig das Diktum von Marshall McLuhan vor uns herbeten, dass „das Medium die Botschaft ist“, ohne es je gedanklich durchdrungen zu haben.

Denn sonst würden wir verstanden haben, dass die Werkzeuge/Medien uns unter der Hand verändern, unabhängig vom Material, das wir damit bearbeiten, unabhängig vom Programm, das wir wählen, unabhängig von den Inhalten, die wir bevorzugen: „the content of a medium is just the juicy piece of meat carried by the burglar to distract the watchdog of the mind.“

Was uns McLuhan damit sagen will, ist nichts anderes, als dass die Werkzeuge/Medien, die wir benutzen, das Material/die Inhalte verändern, die wir damit transportieren. „Our equipment takes part in forming our thoughts“ – das erkannte schon Friedrich Nietzsche, als er 1879 zum ersten Mal eine Schreibmaschine über mehrere Wochen lang in seiner Enklave in Neapel benutzte.

„Wozu die Aufregung?“, fragen Sie? Ganz einfach. Es geht in der Geschichte, die McLuhan 1962 mit der “Gutenberg Galaxis” beginnt und die 2010 von Nicholas Carr in seinem Buch “The Shallows” weitererzählt wird, nicht nur um Veränderung. Es geht auch um Verlust. Und es sieht so aus, als ob dieser Verlust die gesamte Geschichte der Medien- und Technologieaneignung begleitet:

„A new medium is never an addition to an old one, it always develops some cognitive skills at the expense of others.“

Werkzeuge erweitern und steigern unsere physischen, sensorischen und kognitiven Möglichkeiten. Keine Frage. Keine Frage aber auch, dass der Teil von uns, den sie ersetzen, verbessern, erweitern, seine Funktion sukzessive einbüßt, sich taub anfühlt. Denken Sie an das Navigationsgerät im Auto, an das wir unseren Orientierungssinn überantworten.

Für einen Mann mit einem Hammer hat jedes Problem die Form eines Nagels

Beim Hammer haben wir kein Problem damit, dass er unsere Hand taub macht. Wie aber verhalten wir uns gegenüber Technologien, die viel intimer sind? Die die Art beeinflussen, wie wir Informationen suchen, lesen, interpretieren, mit Menschen interagieren, unsere Gedanken formen, Emotionen entwickeln, Erinnerungen aufbewahren?

Bei der Beantwortung dieser Fragen sollten wir besser nicht mit Tool-Unterstützung rechnen. Auch viel strapazierte Analogien werden uns nicht weiterhelfen. Unsere Erinnerung funktioniert nicht wie eine Speicherkarte. Sie konstituiert unser Menschsein und lässt sich auch nicht outsourcen. Unser Hirn ist kein Computer. Einen Text scrollen ist etwas anderes als einen Text lesen. Einem Such-Algorithmus folgen ist etwas anderes als suchen. Computer-kodierte Freundschaften funktionieren anders als Beziehungen.

Unsere kognitive Anpassungsfähigkeit ist enorm. Zweifellos. Aber damit haben wir noch nichts gewonnen. Weil es nicht darum geht, dass wir werden, sondern was aus uns wird. Schneller, als uns im Nachhinein lieb sein wird, wird es nur mehr „Digital Natives“ geben. Und hoffentlich den entscheidenden Unterschied, den wir erinnern. Because we are more than “the sex organs of the machine world.”

Comments»

1. Digital Leadership – 3 Schlüsselkompetenzen für Führungskräfte « Business Ready Blog - November 9, 2012

[…] Dass die Werkzeuge, die wir benutzen, unser Gehirn formen, ist übrigens eine Erkenntnis, die schon Friedrich Nietzsche hatte, als er 1879 halbblind in einem Zimmer in Genua die […]


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