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Wie offen ist Microsoft? December 13, 2011

Posted by Wolfgang Tonninger in Business, Competition, Dynamic_Systems, Interviews, Microsoft, Networking.
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Wir sprachen mit Hans Berndl, seit einigen Monaten neuer Manager Strategisches Marketing und Technology Evangelist bei Microsoft Österreich.

ReadyBlog: Herr Berndl, lieber Hans. wie offen ist eigentlich Microsoft?

imageHBerndl: Ich denke, wir sind mittlerweile sehr offen. Viel offener jedenfalls als noch vor 10 Jahren, man merkt die Veränderung,

ReadyBlog: Auf einer Skala von 1 bis 10 – wo steht ihr da?

HBerndl: Würde uns heute eine 8 geben – in unserem Öffnungsprozess gegenüber der Open Source Community, der mit Windows 2000 begonnen hat – als wir erstmals und unter ganz bestimmten Bedingungen unseren Source Code an öffentliche Einrichtungen in Österreich weitergegeben haben. Wobei man sagen muss, dass gerade im kommerziellen Bereich die Polarisierung noch eine Weile anhielt. Das hat sich mittlerweile stark verändert. Heute gibt es bei Microsoft mehr als 1000 Mitarbeiter, die fokussiert in und mit diesen Communities arbeiten bzw. diese fördern. Aktuelles Beispiel aus diesem Jahr ist die Veröffentlichung von 20.000 Zeilen Windows Server Code, damit Linux auf einer Microsoft Plattform laufen kann und umgekehrt – auch mit dem Ziel, Virtualisierung auf beiden Plattformen zu ermöglichen.

ReadyBlog: Microsoft schafft offene Plattformen, Microsoft kommuniziert mit Open Source Communities, Microsoft macht sich stark im Bereich Open Data. Da hat sich offensichtlich einiges getan und trotzdem ist es so, dass die verbreitete Wahrnehmung immer noch eine andere ist. Wie erklären Sie sich das?

HBerndl: Gute Frage. Offensichtlich ist es so, dass die „Perception“ viel mehr von emotionalen als von rationalen Faktoren beeinflusst wird. So werden Dinge als offen wahrgenommen, die eigentlich gar nicht offen sind. Ein gutes Beispiel liefert Apple, das – trotz seines geschlossenen Ansatzes – in der Open Source Community sehr gerne verwendet wird, weil man sich darüber als Persönlichkeit definieren kann. Das ist eine große Ironie. Sie zeigt, dass „Coolness“ oder „Offenheit“ keine Plattformattribute sind, sondern Kommunikationsattribute, die über Communities vermittelt werden.

ReadyBlog: Was hat Microsoft da falsch gemacht?

HBerndl: Was die Community-Arbeit angeht, hat Microsoft zu lange versucht, alles zu kontrollieren. Aber Communities gehorchen anderen Gesetzen als Partner-Netzwerke. Das mussten wir erst lernen. Und dass wir es gelernt haben, zeigt die Geschichte von Social Media. Da zählt Microsoft zu den Pionieren, die eine Blogging-Kultur im Unternehmen nicht nur toleriert, sondern auch gefördert haben. Entscheidend jedoch ist, dass wir nicht nur Gutes tun, sondern es auch zeigen und thematisieren. Denn ohne Kommunikationsanstrengung wird sich an der Wahrnehmung nicht viel ändern.

ReadyBlog: Was war eigentlich ausschlaggebend für diesen Switch in Richtung Öffnung?

HBerndl: Ganz klar die Bedürfnisse der Kunden. Früher hat sich jeder Hersteller eine möglichst homogene Landschaft gewünscht. Mit der Idee dahinter, dass ein Kunde erst dann ein glücklicher Kunde ist, wenn er alles von ihm hat. Die Realität schaut aber anders aus. Die Welt, in der wir heute leben, ist im Grunde heterogen. Jeder Kunde hat mehrere Hersteller im Haus und daraus entsteht der Bedarf, dass die Dinge zusammenspielen – und zwar auch wieder in alle Richtungen. Stichwort: Interoperabilität. Das heißt, dass wir extrem offene Back-Ends brauchen, um die enorme Diversifizierung am Front-End auszugleichen.

ReadyBlog: Das impliziert für Microsoft ja auch einen völlig neuen Marktzugang.

HBerndl: Unsere Arbeit wird dadurch definiert, was unsere Partner und Kunden brauchen. Vor diesem Hintergrund ist Ausgrenzung keine Option, denn es gibt heute kein Projekt ohne Integrationsbedarf. Und Integration bedeutet auch, dass man mitunter bereit sein muss, einmal die zweite Geige zu spielen, wenn es eine bestimmte Kundensituation verlangt. In dieser Hinsicht hat sich Microsoft stark verändert, auch weil wir heute Business-Modelle fahren, die einen ganz anderen Blick auf den Wettbewerb verlangen …

ReadyBlog: … auch im Zuge der Cloud?

HBerndl: Exakt. Die Cloud-Entwicklung hat dabei einen entscheidenden Anteil, weil sei völlig neue Geschäftsmodelle und Zugänge verlangt. Einen Paradigmenwechsel, im Zuge dessen aus Konkurrenten auch Partner werden können und Partner sich mitunter neu ausrichten müssen. Ganz einfach, weil konventionelle Software, die man im Packerl verkauft, andere Partnerschaften verlangt als Software , die über eine vom Hersteller aufgebaute Infrastruktur und über Cloud-Mechanismen in den Markt gebracht wird.

ReadyBlog: Und trotzdem gibt es so etwas wie eine ideologische Bastion, wo der Kampf zwischen geschlossenen Appliances und offenen Plattformen ausgetragen wird. Pikanter Weise im Namen der Usability. Dabei geht es um viel mehr – nämlich um den generativen Aspekt von Computer-Plattformen, der laut Jonathan Zittrain („The Future of the Internet and how to stop it“) nach und nach auf der Strecke bleibt. Es ist eine Grundsatzentscheidung wie die zwischen LEGO und PLAYMOBIL. Geht der Trend wirklich in Richtung Systeme, die zwar perfekt funktionieren, aber geschlossen sind? Mit anderen Worten: Wird man sich offene Systeme in Zukunft noch leisten?

HBerndl (lacht): Der Vergleich mit LEGO und PLAYMOBIL gefällt mir. Ich bin eindeutig der LEGO-Typ. Also weniger Vorgefertigtes, dafür mehr Freiheit. Ich glaube, dass es in Zukunft beides geben wird, weil man bei geschlossenen Systemen (wie zb den Amazon Kindle), die Content möglichst einfach kaufbar und konsumierbar machen wollen, immer wieder an den Punkt kommt, an dem man etwas tun will, was der Hersteller vielleicht nicht vorgesehen hat.

ReadyBlog: Du meinst eine Art Hacker-Zugang zu den Dingen, wie ihn anlässlich der SIME-Konferenz in Wien Pablos Holman in seinem Vortrag sehr anschaulich als Schlüssel zur Innovation vorstellte?

HBerndl: Sicher ist, dass sich der Zugang verändert hat. Wenn Sie einmal hinter die Hypes schauen, die uns am Device-Sektor beschäftigen, dann werden Sie feststellen, dass sich das Userverhalten heute dahingehend verändert hat, dass nicht mehr das Gerät/Device im Mittelpunkt steht, sondern das, was ich damit alles machen /anstellen kann. Deshalb haben auch die Smartphones diesen Durchbruch – denn im Prinzip sind sie wie ein tragbarer PC (es ist mein Telefon, mein Chat, mein Internet, etc.) – alles in Einem – mit einem etwas anderen Formfaktor und Userinterface. Was hier passiert, ist eine Konsolidierung von unterschiedlichsten Bedürfnissen an einem Punkt.

Readyblog: Was bedeutet das in Bezug auf unsere Unterscheidung Plattform vs. Appliance. Kann es sein, dass Offenheit an unterschiedlichen Stellen Unterschiedliches bedeutet.

HBerndl: Ich glaube, wenn wir von offenen Plattformen sprechen, dann meinen wir vor allem die implementierten Infrastrukturen – das Back-End, das keiner sieht –, weil sich dort entscheidet, was am Front-End für den User möglich ist. An dieser Stelle kommt Cloud-Computing und auch die ganze Open Data Bewegung, die sie vorher schon kurz erwähnten, ins Spiel. Wir haben das ODGI-Format entwickelt (d.i. ein Framework, mit dem man unterschiedlichste Daten zur Verfügung stellen kann, Anm. Business Ready Blog) und mit Azure eine offene Plattform, auf der öffentliche Daten aller Herren Länder einfach und vor allem kostengünstig zur Verfügung gestellt werden können, um dann wiederum über eine Android-App, eine Windows-Phone-App, eine iPhone-App, eine PC-App oder einen Browser abgerufen zu werden.

Readyblog: Das heißt, dass wir das Thema Offenheit nicht so sehr über die Endgeräte diskutieren sollten. Nehmen wir das Thema Unified Messaging, das für Microsoft auch im Zusammenhang mit der neuen Welt der Arbeit eine besondere Rolle spielt. Wenn ich es als Anbieter nicht schaffe, alle Kanäle – und ich meine wirklich alle! – zusammenzubringen, dann habe ich meine Aufgabe nicht gemacht. Man kann es sich einfach nicht leisten, irgendein Teil wie zB das iPhone nicht zu integrieren.

HBerndl: Wenn man sich vorstellt, welche Vielzahl an Devices heute in den Unternehmensalltag drängt – Stichwort Enterprise 2.0 und BYOT („Bring your own technology“) – und wenn man sich anschaut, welche Entwicklungsumgebungen Microsoft heute auf seiner Cloud-Plattform unterstützt, dann sieht man, wie offen wir heute sind und dass es von unserer Seite de facto keine Ausgrenzungen mehr gibt. Egal, ob du auf .NET oder Java oder mit PHP oder Ruby entwickeln willst, wir unterstützen dich. Auch viele Open Source Projekte laufen auf unserer Technologie.

Readyblog: Und was kannst du in deiner Funktion konkret dazu beitragen?

HBerndl: Meine Aufgabe ist es, raus zu gehen, die Microsoft Welt zu verlassen, die Vorurteile wegzulegen und gemeinsam mit der Open Source Community neue Business-Modelle zu erarbeiten. Und dabei natürlich immer wieder die Frage zu stellen, welche Rolle Microsoft dabei spielen kann. Da gibt es verschiedene Optionen – vorne bei den Development-Tools oder den Apps, bei den Interfaces zu den Daten oder bei den tragfähigen Plattformen. Momentan ist es jedenfalls so, dass wir einer der wenigen Player sind, die eine offene Plattform für Open Data bzw. Open Government kostengünstig zur Verfügung stellen können.

Readyblog: Das heißt, dass die Wahrnehmungsveränderung am Markt, von der wir die ganze Zeit sprechen, bei der eigenen Wahrnehmung beginnt – indem man sich selber relativiert?

HBerndl: Genau! Man muss sie bei sich zulassen. Es ist ein Blickwechsel vom Produktmarketing zum strategischen Marketing – verbunden mit einer langfristigen Perspektive. Im Unterschied zu früher kümmere ich mich heute nicht mehr um einzelne Produkte, sondern um übergreifende Themen, Technologie-Stacks. Und Teil meines Jobs ist es eben, dass ich mich mit anderen Technologie-Providern auseinander setze, Positionen und Technologien vergleiche und dabei auch den eigenen Standpunkt relativere, um neue Möglichkeiten der Zusammenarbeit zu finden. Denn es wäre schade, wenn wir aufgrund von ideologischen Barrieren oder Vorurteilen unseren Beitrag zu einer offeneren Welt nicht leisten würden.

ReadyBlog: Wir wünschen dir und Microsoft dabei viel Erfolg! Danke für das Gespräch.

Comments»

1. kaphorst - December 13, 2011

Nicht alles was hinkt ist ein Vergleich: wenn man den Vergleich zu Apple (angeblich geschlossenes System) zieht: das zugrunde liegende System Darwin ist Open Source (http://opensource.apple.com). Genauso die wichtigen server-seitigen Services. Alles von Open Source übernommen und auch der Community wieder zurück gegeben.

Weiters die wohl wichtigste Applikation: der Browser. Die Engine WebKit (in Safari, Google Chrome) wird als Open Source von Apple und Google weiterentwickelt und ist seit Generationen die wohl standard-konformste Browser-Engine.

Alle Open Source Entwickler die ich kenne, möchten einfach auf einem Posix-konformen System mit einem guten Packet-Manager arbeiten. Interessante neue Projekte (zB. Hadoop, verschiedene NoSQL) laufen auch nur dort. Daher greifen auch manche zu OS X. Der Coolness-Faktor war, soweit ich sehe, bei keinem Entwickler in irgendeine Richtung ausschlaggebend.

2. Hans Berndl - December 13, 2011

Ich verstehe ihren Standpunkt, aber die gebrachten Beispiele machen aus Apple trotzdem kein Open Source Unternehmen. Genausowenig wie unsere (Microsoft’s) Unterstützungen diverser Open Source Projekte und Source Code “Spenden” in die Communities, Microsoft NICHT zu einem Open Source Unternehmen machen.

Unbestritten aus meiner Sicht ist, dass Apple ihren Product Development Prozess SEHR closed und mit TOTALER Kontrolle vorantreibt, was keine schlechte Sache ist. Meiner Meinung nach sehe ich nur in dem weniger Open Source Character als in dem von Microsoft gelebten Prozess. Das Beginnt bei einem großen Partnersystem für Technologie-Implementierung bis zu den vielen Hardwarepartnern mit den wir im Development-Prozess eng zusammenarbeiten, da wir nur einen Teil des Gesamt-Prozess kontrollieren. (Software!)

Unter http://www.microsoft.com/web/gallery/categories.aspx kann man sich ein Bild davon machen in welchen Open Source Projekten Microsoft aktive seinen Beitrag leistet.

Ein 100% konformes POSIX Subsystem gibt es seit Windows NT4 Zeiten, seit Windows 2000 ist es Bestandteil des OS.

Die Wahl seiner Entwicklungsumgebung ist doch eine Geschmackssache, wenn man ehrlich ist und auch das ist vielleicht gar nicht so schlecht.

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