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Interview: Europäische Strategien zum digitalen Markt, Teil 2 March 1, 2012

Posted by Wolfgang Tonninger in Business, Dynamic_Systems, Innovation, Interviews, Microsoft, New World of Work, Security, Studien, Trends, Uncategorized, Wertschöpfung.
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Forsetzung des Gesprächs mit Andreas Ebert, ehemaliger GF von Microsoft Österreich und nun Regional Technology Officer für Microsoft EMEA.

ReadyBlog: Das Stichwort „Cloud“ ist gefallen. Welche Rolle spielt sie in Ihren Überlegungen?

image AEbert: Eine große, zweifellos. Das Thema Cloud Computing ist der „Begriff de Jour“ in der IT-Branche – was auch mit sich bringt, dass er mittlerweile total überladen ist. Unsere Aufgabe ist es für ein paar Differenzierungen zu sorgen und zu zeigen, was er technologisch, architektonisch, volkswirtschaftlich und als Business-Modell für ein Unternehmen bedeutet. Und was für meine Produktentwicklung, meine IT-Abteilung und die neue Welt des Arbeitens.

ReadyBlog: Wie gehen Sie mit den Widerständen um, die aus der IT-Abteilung kommen?

AEbert: Eine Frage, die ich in Zusammenhang mit der Cloud gerne an CIOs stelle, ist die folgende: „Sind Sie Chief Information Officer oder Chief Datacenter Officer?“ Das kann vieles klären. Denn in seiner Antwort wird klar, ob er seine Rolle über die Anzahl der Server beschreibt, die er kontrolliert, oder über die Business-Werte, die er mit Hilfe der IT kreiert.

ReadyBlog: Die Diskussionen zeigen jedoch, dass es dabei nicht nur um die Kontrolle über die Hardware geht. Es geht auch um Sicherheit, Privacy und Zuverlässigkeit.

AEbert: Ich glaube, solche Argumente werden oft einfach vorgeschoben, um sich den anderen, entscheidenden Diskussionen nicht stellen zu müssen. Wenn man sich anschaut, welche Standards und welche „Economies of Scale“ die großen Cloud-Provider in diesem Bereich bieten, dann sieht man, dass heute weder sicherheitstechnisch noch wirtschaftlich ein Weg an der Cloud vorbeiführt. Ein Beispiel: Microsoft betreut heute 1,3 Milliarden Hotmail-Mailboxen, das sind 3 Zehnerpotenzen Unterschied zu Walmart, der mit 1,8 Millionen Mitarbeitern größten Firma der Welt. Und jedes Monat kommen 3 Petabyte (das sind 10 Millionen Gigabyte, Anm. ReadyBlog) hinzu. Vor diesem Hintergrund ist die Cloud technologisch eine Evolution bzw. die Externalisierung von intern bereits aufgebauten Ressourcen. Wirtschaftlich bedeutet die Cloud jedoch eine Revolution, weil es mit der Cloud praktisch keine Einstiegskosten in die Welt der IT mehr gibt.

ReadyBlog: Diese Einstiegshürden fallen ja nicht nur für Unternehmen, sondern auch auf einer Ebene darunter für die Fachabteilungen, weil Sie für viele Dinge nicht mehr den Canossa-Gang zur IT antreten und für ihre Lösungen um Invest-Budgets betteln müssen …

AEbert: Exakt! Es ist diese Self Service Komponente der Cloud-basierten IT, die ein Segen ist für viele Fachabteilungen und gleichzeitig in den IT-Abteilungen für so große Widerstände sorgt, weil diese damit vor der Situation stehen, Kontrolle abzugeben. Jetzt gibt es zwei Möglichkeiten darauf zu reagieren: 1) man kann Sicherheits- oder Verfügbarkeitsbedenken vorschieben und somit etwas Zeit gewinnen, oder man nimmt 2) diese Herausforderung an und nutzt die dadurch frei werdende Energie, um seinen Business-Auftrag wahrzunehmen. Das bedeutet auch, dass man die Wirtschaftlichkeitsargumente hört und ernst nimmt.

ReadyBlog: Gibt es dafür Zahlen?

AEbert: Jede Menge. Die vorhin bereits erwähnten „Economies of Scale“ werden von führenden Analysten bestätigt. Der wirtschaftliche Unterschied heißt unterm Strich 8 zu 1! Warum? Weil in der Größenordnung, in der wir uns bewegen, man mit Energie viel effizienter umgehen kann: man kann ganz andere Netzwerkeffekte erzielen, man kann die Server und die Anwendungen ganz anders auslegen, man kann die Wartung viel effizienter gestalten, man kann natürlich die Ressourcen viel besser auslasten, weil man tageszeitliche, jahreszeitliche, lokale und business-seitige Spitzen ausgleichen kann. Und trotzdem steht der Kunde nicht vor einem Entweder/Oder. Denn die Mandantenfähigkeit der Cloud-Architektur erlaubt ihm ein höchstes Maß an Flexibilität, sodass er bestimmte Teile in die Cloud legt und andere, die er aufgrund von Compliance-Bestimmungen lokal halten muss, auch lokal belässt.

ReadyBlog: Dieses Entweder/Oder ist ja auch dafür verantwortlich, dass wir ideologische Debatten über die Cloud führen, wo es eigentlich um ganz andere Dinge geht. Nämlich darum, dass wir uns von den Infrastrukturzwängen befreien und IT als Business-Motor neu erfinden.

AEbert (lacht): Das haben Sie schön gesagt. Denn damit wird klar, dass es nicht für oder gegen die Cloud geht, sondern darum, eine statische Infrastruktur in eine dynamische Infrastruktur zu verwandeln, den Backlog-Ansatz umzudrehen und fit zu werden für einen hochdynamischen und globalisierten Wettbewerb – auch weil ganz andere Technologiezyklen möglich werden. Ein Beispiel: Bei Microsoft haben sich in den letzten 6 Jahren 4 Generationen von Rechenzentren die Hand gegeben. Das heißt, wir haben unsere Rechenzentrumsarchitektur 4x vollkommen neu aufgesetzt. Wer kann sich solche Lifecycle in einer private Cloud leisten? Niemand!

ReadyBlog: Kommen wir noch einmal zurück auf Europa. Wie sehen Sie die Entwicklung?

AEbert: Wir skalieren nicht schnell genug in Europa, es geht alles sehr langsam. Nehmen Sie die Chinesen: Die haben 36 Universitäten für Software-Entwicklung gebaut und nach 18 Monaten den Betrieb aufgenommen, die besten IT-Professoren angestellt und bilden jetzt 400-500 Studenten im Jahr aus. In Europa haben wir in 5 Jahren nicht einmal die Zuständigkeiten dafür geklärt, wer entscheiden darf, ob wir so etwas brauchen oder nicht.

ReadyBlog: Aber es gibt doch Ansätze wie Berlin, wo man in der letzten Zeit einen enormen Start-Up-Boom verzeichnet. Wie bewerten Sie solche Entwicklungen?

AEbert: Alles, was in diese Richtung passiert, ist grundsätzlich einmal sehr positiv. Auf der anderen Seite muss man festhalten, dass bei uns im Vergleich zum Silicon Valley einfach die kritische Masse fehlt. Für ein dynamisches Startup-Umfeld braucht man eine Universität in der Nähe, die Wirtschaft in der Nähe und vor allem auch eine Kultur, die Innovationen fördert.

Wenn man in Amerika sagt, dass man mit Unternehmensprojekten zwei Mal auf die Nase gefallen ist, dann gilt man als „battle proven“, in Europa ist man damit auf der schwarzen Liste und die Geldgeber ziehen sich zurück. Das Silicon Valley ist eine extrem effiziente „human ressource churn machine“, eine riesige Waschmaschine für Talente. Professoren gehen von der Uni weg und gründen eine Firma, sind Inkubatoren auf Zeit und gehen dann wieder zurück, um nicht den Anschluss zu verlieren. Alles passiert sehr dynamisch. Und damit verbunden ist eine intellektuelle Intensität, die für Spitzenleistungen absolut essentiell ist. Bei uns kommt es eher zu einer geistigen Verarmung, weil man sich nicht so gut austauschen kann und damit auch nicht gefordert wird.

ReadyBlog: Seit 2011 gibt es mit Harald Leitenmüller ihr nationales Pendant, einen NTO oder National Technology Officer, auch für Österreich. Wie sehen Sie diese Entwicklung?

AEbert: Sehr, sehr positiv. Diese Funktion spiegelt auch die Anstrengungen von Petra Jenner wieder, das Business nicht nur an kurzfristigen Umsatzzahlen auszurichten, sondern mit langfristigen Perspektiven zu begleiten. Dazu gehört natürlich die Kommunikation mit unterschiedlichsten Stakeholdern wie Industriellenvereinigung, Wirtschaftskammer, Ministerien, Gewerkschaften, Sozialversicherungsträgern, etc. – aber auch mit CEOs auf der Kundenseite. Daneben wird es besonders wichtig sein, die Business-Transformation unserer Partner im Zuge der Cloud zu begleiten, gemeinsam Geschäftsmodelle zu entwickeln, Stolpersteine zu identifizieren, Märkte zu entwickeln und Türen dorthin aufzustoßen; also eine Art Business Angel zu sein – eine schöne und fordernde Aufgabe.

Danke für das Gespräch.

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